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SACHSENHEIM, 04. JULI 2011

Inszenierung mit viel Herzblut
"Theater unter der Dauseck" führt im Egartenhof Sachsenheim ein Hauff-Märchen auf

Das kalte Herz" ist eines der schönsten Märchen der deutschen Kulturgeschichte, das, so zeigt das Oberriexinger Ensemble mit dem Stück "Herz so kalt", durchaus heute noch von Bedeutung ist.

Herzzerreißend ist die Geschichte vom Kohlenmunk-Peter, dem die Erfüllung dreier Wünsche durch das Glasmännlein nicht genug ist, sondern der auch noch sein Herz dem Holländer-Michel verkauft.

Herzerfüllend ist die Inszenierung des Stoffes aus dem Märchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff. Barbara Schüßler gab den Weg zu einer herzerfrischenden Umsetzung frei, die Regisseurin Christine Gnann in einen herzerweichenden Theaterspaziergang umwandelte. Judith Philipp und Max Johns gestalteten das von vornherein romantisch-idyllische Ambiente des Weilers Egartenhof auf Sachsenheimer Gemarkung zu einem Theaterspielplatz um und statteten mit herzhafter Kreativität die Lokalität und die Schauspieler aus. Ohne diese hätte das Leitungsteam allerdings so gut ausstatten und inszenieren können, wie es wollte, das Stück hätte nicht das schlagende Herz bekommen, mit dem es jetzt auftrumpfen konnte, denn "Herz ist Trumpf".

"Man sieht nur mit dem Herzen gut" ist nur einer der vielen "Herz"-Sprüche, die an diesem Abend fallen. Viel Herz hat auf jeden Fall das Oberriexinger Ensemble. Was für eine Spielfreude, was für ein Können, was für ein Enthusiasmus und welch Kreativität vereinigen sich in diesem 40-köpfigen Spielteam. Im Oberriexinger "Theater unter der Dauseck" kann man aus dem Vollen schöpfen: Es gibt keinen Schauspieler, der nicht auftrumpfen könnte.

Schon die Anfangsszene im Hühnergarten des Egartenhofs ist ein inszenatorisches Glanzstück, das mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: Zum einen werden alle Schauspieler vorgestellt, zum zweiten erzählt Lara Schüßler in wunderschöner Rezitatorenart das Hauffsche Märchen und alles, was der Volksmund und schlaue Köpfe je über das Herz gesagt haben, werden dem Ensemble in den Mund gelegt. Und dann kommt er - der siebenfache Luis, die Hauptperson des Stückes, die von fünf jungen Männern gespielt wird, die im Ensemble der tollen Darsteller die Schauspielfreude noch übertreffen. Schon als Niklas Niemz in der Rolle des neu geborenen Luis im Arm der doppelten Großmutter (Geniestreich: alle Rollen sind doppelt besetzt, was eine erstaunliche Eigendynamik erzielt) zum ersten Mal auftaucht, hat er alle Herzen der Zuschauer gefangen genommen. Niklas Niemz spielt so eindrucksvoll, so vertieft und voll in seine Rolle aufgegangen, dass er selbst beim tosenden Schlussapplaus die Miene seiner Rolle nicht verliert. Aber auch David Kelleni (Luis, 14 Jahre), Christopher Müller (21), Sebastian Hester (28) und Sascha Albrecht als 35- und 42-jähriger Luis zeigen, wozu Laienschauspieler fähig sind, wenn sie ihr Herzblut dem Theater schenken: zu hoher Professionalität, großem Können und Spielleidenschaft.

Immer wieder überrascht die Inszenierung mit einfallsreichem Bühnenbild, das die schönsten Ecken des Egarten-Geländes ausnutzt, aber vor allem mit Einfällen wie dem doppelten Holländermichel-Paar. Bernd Schlegel bringt als lasziver Zuhältertyp in weißem Anzug das Publikum zum Staunen. Da der Teufel im Detail steckt, sind auch die "HMs" (so die plakative Bezeichnung des Holländer-Michels) Fingernägel weiß lackiert, so dass die hier zu Unrecht getragene Unschuldsfarbe von Kopf bis Fuß bis zu den Nägeln geht.

Das Glasmännlein in Person von Renate Storm und Siegfried Wieland hingegen ist gar nicht auffällig gekleidet: Es passt sich seiner Umgebung an. Selbst der Griff der Scheune, in deren Kontur die beiden zuerst verschwinden, ist auf den Rücken des Kostüms gemalt. Spektakulär ihr Auftauchen aus dem Heuhaufen, als Luis sie ruft. Dass es auch heutzutage Menschen gibt, die ihr Herz verkaufen oder es gerne täten, zeigt eine eindrucksvolle Massenszene auf der großen Wiese: His Majesty "HM", Seine Majestät, der Holländer Michel lädt ein, die verlorenen und von ihm gestohlenen Herzen kennen zu lernen und im Stakkato erzählen ganz normale Menschen, als Vogelscheuchen verkleidet und wie Roboter an- und ausgeschaltet, von ihrem Leben. Und auch der Luis hat, wie der Kohlenmunk-Peter bei Hauff, sein Herz verkauft und ist am Ende. Aber wie das so ist im Märchen: Am Ende wird alles gut, wenn es nur von Herzen kommt. Und eines ist gewiss: Diese Inszenierung kommt genau von dort und lässt jedem Zuschauer das Herz aufgehen.

kurzer Auszug aus dem Stück "Herz - so kalt" auch auf www.youtube.com (Szene 7 Luis will sein Herz zurück)


Luis: Sascha Albrecht Foto: Sebastian Hester

Info: Aufführungen von "Herz so kalt" im Egartenhof immer freitags, samstags und sonntags bis 31. Juli. Info unter http://www.theater-dauseck.de
Redaktion: GABRIELE SZCZEGULSKI

Eine Bereicherung der Kulturszene

Parktheater: Ausgiebig beklatschte Premiere des Rockmusicals »Die Sonnenseitler« vom Bensheimer Frank D. Anderson

Das Rockmusical „Die Sonnenseitler“ hatte am Mittwoch Premiere im fast ausverkauften Bensheimer Parktheater. Foto: Ernst Lotz Text: o. A. Echo-Online

Das Leben ist eine Bushaltestelle. Zwischen Parkbank und Abfalleimer entscheiden sich Schicksale, lösen sich Hoffnungen in Rauch auf, findet sich letztlich die große Liebe. Und während sich große und kleine Dramen abspielen, liefern harte Gitarrenklänge den passenden Soundtrack für die Identitätskrisen junger Leute, die in Rollen gefangen sind, aus denen sie kaum ausbrechen können.
Das Rockmusical »Die Sonnenseitler« greift Ängste, Sorgen und Probleme von Menschen auf, die nicht immer auf der Sonnenseite der Gesellschaft stehen. Am Mittwoch feierte das Stück des Bensheimers Frank D. Anderson im nahezu ausverkauften Parktheater eine ausgiebig beklatschte Premiere.

Dem durchaus jungen Publikum servierte das Ensemble, zum größten Teil engagierte Laiendarsteller, einen unterhaltsamen Einblick in das Seelenleben der Protagonisten. Flankiert wurden die Gemütslagen je nach Situation von stimmiger Rockmusik, die - professionell produziert - hohen Ansprüchen genügt. Dass es dabei laut, mitunter derb und nicht immer jugendfrei zugeht, mag zarte Gemüter erschrecken, trägt aber zur Authentizität der Aufführung bei. Und wann kommen die Besucher des Parktheaters schon einmal in den Genuss, dass zu schweren Heavy-Metal-Klängen ein echtes Auto auf der Bühne demoliert wird?

Die Szenerie erinnerte jedenfalls an die guten alten Metal-Videos aus den achtziger und neunziger Jahren. Die Handlung indes kommt als Klassiker daher: Frau mit gebrochenem Herzen sucht Zuneigung und Geborgenheit, hat drei Männer in der engeren Auswahl, von denen sich zwei als charakterlich wenig salonfähig erweisen. Kandidat drei meint es ehrlich, stößt aber zunächst auf Ablehnung, die erst zum großen Finale überwunden wird. Die Bushaltestelle der »Sonnenseitler-Allee« entwickelt sich dabei zu einem von Leidenschaft, Lust, Tragik und Tod geprägten Schauplatz. Getragen wird das Musical von der Spielfreude und der Dynamik seiner Darsteller, denen man anmerkt, dass sie mit Begeisterung ihre Charaktere mit Leben füllen.

Milena Wolf überzeugt als bildhübsche, aber seelisch unausgeglichene Sarah, die zwischen Begeisterung und tiefer Depression schwankt und fast den Mann ihrer Träume übersieht. Mario Zuber verleiht dem Künstler Julian eine verletzliche Note, die im Kontrast zu den rauen Burschen um ihn herum steht. Olaf Dietz besticht als frauenverachtender Dealer Steve, ein Checker, mit dicker Hose auf ständigem Egotrip.Rocker Dave hat eine harte Schale, aber einen weichen Kern. Trotzdem wird er zur tragischen Figur. Die Mischung aus Wut und Verzweiflung bringt Michael Quednau ausdrucksstark auf die Bühne. Den meisten Tiefgang besitzt die Nebenrolle des Gangführers Tiger. Der ist eher Biedermann als Brandstifter, sieht aber keinen Weg zurück in sein ruhiges Leben als Steuerberater. Diesen Konflikt weiß Sascha Albrecht mit komödiantischem Talent geschickt zu vermitteln. Apropos Talent: Sonja Ried als Rockerbraut Miranda mit osteuropäischem Akzent merkt man die Kameraerfahrung an. Sie gibt die harte Schlägerin, zeigt aber bei zwei von ihr einstudierten Tanzchoreographien das ganze Spektrum ihres Könnens.  Mareike Hachemer und Daniel Sebazungu runden ein homogenes Ensemble gekonnt ab, wobei Hachemer ein Ausrufezeichen mit einer Gesangseinlage setzt, Sebazungu als Tänzer eine gute Figur abgibt. Mindestens genauso viel Beachtung wie die Schauspieler verdienen die Musiker. Die Songs und Instrumentalpassagen klingen ausgereift und vermitteln im Parktheater - obwohl sie vom Band kommen - Liveatmosphäre. Was wenig wundert, schließlich haben Profis die Titel im Studio eingespielt, was sich trotz Playbacks auf der Bühne auszahlt. Autor und Musiker Frank D. Anderson hat viel Zeit und Herzblut in sein Werk gesteckt, sorgfältig eine kompetente Crew um sich geschart und ein Projekt zum Fliegen gebracht, das die Bensheimer Kulturszene nachhaltig bereichern konnte.

Sommerakademie 2010
(Liebieghaus Frankfurt/ Main)

An Athene die Körperhaltung trainieren

Kommunikation, kulturelle Differenz, Kreativität stehen auf dem Programm der Frankfurter Sommerakademie, die in Schirn, Städel und Liebieghaus stattfindet. Das Ziel ist, Jugendlichen bei der Berufswahl zu helfen. Der Spaß kommt nicht zu kurz.

Die Inder schütteln mit dem Kopf, wenn sie „ja“ sagen wollen, und im Mittelmeerraum ist man beleidigt, wenn der andere mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis bildet. Das Zeichen, mit dem Taucher sich „okay“ signalisieren, meint in Frankreich eine Geldmünze, wenn die Hand zum Mund geführt wird, zeigt es hierzulande an, dass das Essen geschmeckt hat, und im arabischen Raum steht die Geste für „null, wertlos“. Verwirrend? Das finden auch die Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren, die sich im Kurs „Kultur und Körpersprache“ damit auseinandersetzen, wie vielgestaltig Körpersignale gelesen werden können. Unterrichtet wird nicht auf harten Schulbänken, sondern im weichen Gras vor dem Liebieghaus.
Auch in diesem Jahr spielt das Wetter wieder mit, die Sommerakademie der Museen Schirn, Städel und Liebieghaus findet unter sommerlichen Bedingungen statt. So können die 150 Teilnehmer die Pausen und wenigstens einen Teil der Kurszeiten im Freien verbringen. Zum Beispiel vor einer der großen Bronzestatuen im Garten des Liebieghauses. Hier studieren die Jugendlichen Körperhaltung und Gestik. Jede der Gruppen mit ihren 15 Mitgliedern wird diese Station absolvieren, wird unter Beweis stellen müssen, wie gut sie sich in der griechischen Mythologie auskennt; ob sie Athene an Helm und Speer, Herkules am Löwenfell auf seinen Schultern erkennt. Das alles ist aber kein kunsthistorischer Grundkurs. „Ausnahmsweise ist die Kunst hier nur das Mittel zum Zweck“, sagt Chantal Eschenfelder, die Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung der drei beteiligten Kunsthäuser. Anliegen der einwöchigen Sommerakademie ist es, die Schüler bei ihrer Berufswahl zu unterstützen, später auch beim Einstieg in das Berufsleben.Nicht wie in der Schule
Wer Körpersignale richtig deutet und in der Lage ist, Engagement und Selbstbewusstsein zu kommunizieren, ist auch beim Bewerbungsgespräch im Vorteil, so die Idee, die hinter dem ungewöhnlichen Bewerbertraining steckt. Geübt werden aber auch andere Formen der Selbstdarstellung und der Präsentation. Dreiergruppen setzen sich etwa mit Bildern aus der Graphischen Sammlung des Städel-Museums auseinander und stellen den übrigen Gruppenmitgliedern anschließend ihren Druck oder ihre Zeichnung vor. Das tun sie aber nicht wie in der Schule in Form eines Referats, sondern auf möglichst ausgefallene und kreative Weise. Enrico zum Beispiel macht sich zum Sportreporter und kommentiert enthusiastisch das Bild von einem Pferderennen. Eine Mädchengruppe erzählt ein Märchen von einer Prinzessin, die sich für einen neuen Hofnarren entscheiden muss und wählen kann zwischen einem Jüngling mit blondem Haar, einem Akrobaten, einem Clown mit Schellen und lustiger Kleidung, einem Jongleur und einem Musiker, der die Trommel schlägt und Flöte spielt. Im Märchen erhört die Prinzessin alle Kandidaten und behält sie bei sich am Hof. In der Wirklichkeit war das wohl anders, erklärt Martin Sonnabend, der Leiter der Graphischen Sammlung am Städelmuseum. Was die Mädchen so gut beschrieben haben, ist tatsächlich das Abbild eines sogenannten Moriskentanzes, bei dem die Männer mit allerlei Kapriolen um die Gunst einer Frau warben.

Weite Anfahrt wird in Kauf genommen

Das Lob der Gruppe haben sich alle drei Mädchen für ihre Präsentation verdient. Aber auch, wenn mal jemand zu leise spricht, den anderen Referenten die Redeanteile wegnimmt oder während des Vortrags mit dem Fuß wippt, wird er darauf aufmerksam gemacht.
Die 16 Jahre alte Annika zum Beispiel ist unzufrieden mit ihrem Vortrag. Ihre Gruppe ist mit der Vorbereitungszeit nicht klargekommen. Trotzdem macht ihr die Sommerakademie Spaß. Sie kommt jetzt in die zehnte Klasse und weiß wie so viele der Teilnehmer noch nicht, wie es nach diesem Schuljahr weitergehen soll. Eine Ausbildung möchte sie gern anfangen. Aber für welche sie sich entscheiden soll, das weiß die Schülerin aus Bad Soden noch nicht. Deshalb kommt sie jeden Morgen mit dem Zug nach Frankfurt zur Sommerakademie. Andere nehmen noch viel weitere Anfahrten in Kauf, um an dem außergewöhnlichen Ferienprogramm teilnehmen zu können: Aus dem Vogelsberg und sogar aus Berlin sind Jugendliche gekommen. Sie wohnen bei Freunden oder Verwandten, manche übernachten auf dem Sofa. Sie finden, es lohne sich.

„Deutschland sucht den Superstar“ als K.-o.-Kriterium

Auch wenn es einen festen Stundenplan gibt, der im 45-Minuten-Takt von 10 bis 17.30 Uhr Workshops, Übungen und Kurse aneinanderreiht, fühlt sich das alles nicht wie Schule an. „Es gibt halt keine Noten“, sagt Annika. Trotzdem sind alle engagiert, arbeiten mit und melden sich. Sie hören auch zu. Dann, wenn erfolgreiche Kreative aus ihrem Berufsleben berichten.
In diesem Jahr ist zum Beispiel Ardi Goldmann dabei, der davon erzählt, wie er mit der mittleren Reife von der Schule abging, um erst einmal durch die Welt zu ziehen. Wie er in drei Monaten die Sahara durchquerte, zwei Jahre in New York lebte und zwei in Berlin, aber doch immer wieder nach Frankfurt zurückkehrte. Mit seinen Visionen über die bauliche Umgestaltung des verfallenen Ostends erwarb der gebürtige Israeli sich Titel wie „Stadtteilregisseur“ oder „Lebensraumentwickler“. Dickköpfig und neugierig sei er damals gewesen, als er von zu Hause wegging, berichtet er den Jugendlichen. Aber das viele Reisen sei wichtig gewesen, um den Horizont zu erweitern und sich frei zu machen von den uniformierten Gedanken und den Widerständen, gegen die er sich so oft habe behaupten müssen.
Auf die Frage einer Schülerin, was er von einem Praktikanten erwarte, der sich bei ihm bewerbe, antwortet er dann auch: „Sehr gute Computerkenntnisse und viel Kreativität. Ich frage nach den Filmen, die er sieht, nach seinem Musikgeschmack. Wer dann einen Song von ,Deutschland sucht den Superstar‘ angibt, der ist raus. Das ist ein K.-o.-Kriterium.“

Text: André Weikard (F.A.Z.)

       
(Copyright © 2010 Städel Museum. Alle Rechte vorbehalten.)

Weitere Bilder und Informationen unter: http://www.staedelmuseum.de

Hier geht es zum aktuellen Videofilm: http://www.youtube.com

 

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